Stellungnahme zum angeblichen Skandal um defekte Insulinpumpen

Insulinpumpe: Nicht jede Fehlbedienung ist ein technischer Defekt

|   LV NiedersachsenMeldung

Die aktuelle Diskussion um die Zuverlässigkeit von Insulinpumpen aufgrund der Enthüllungen im Rahmen der sogenannten „Implant Files“ veranlassen uns als Landesvorstand der größten Selbsthilfeorganisation von Diabetikerinnen und Diabetikern in Niedersachsen Stellung zu beziehen. Die Implant Files waren ein Projekt von über 250 Journalistinnen und Journalisten aus aller Welt, die Statistiken über die Zuverlässigkeit und Kontrolle von Implantaten auswertete. Dabei kamen die Beteiligten zu teilweise erschreckenden Ergebnissen, denen wir im Einzelnen nicht widersprechen können und wollen.

Insulinpumpen sind keine Implantate

Warum aber nun gerade Insulinpumpen als eines der beliebtesten Hilfsmittel unter Typ 1-Diabetikern durch NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung in den Fokus eines Skandals gerückt werden, erschließt sich uns nicht. Zunächst sei festgehalten, dass es sich bei Insulinpumpen nicht um Implantate handelt. In den Körper eingeführt wird lediglich die Kanüle für die Insulinabgabe. Ein Vergleich mit bröselnden Bandscheibenprothesen, wie der NDR ihn in seiner Berichterstattung zieht, verbietet sich von daher eigentlich. Die Pumpe ist jederzeit erreichbar und komplikationslos austauschbar.

Probleme nicht immer technische Defekte

Hinzu kommt, dass weder der NDR noch der WDR genaue Angaben zu Fehlerquoten der gescholtenen Geräte machen. Selbst der in einem Videoeinspieler vorgestellte Fall einer defekten Pumpe eines Diabetikers im Kindesalter ist für uns nicht eindeutig. Die Pumpe hat zu viel Insulin abgegeben. Ob dies auf einem technischen Defekt oder einem Bedienfehler beruht, wird nicht genau genug erläutert. Unsere Erfahrung zeigt uns aber, dass viele Probleme im Umgang mit den Geräten nicht aus technischen Defekten, sondern aus Bedienfehlern aufgrund mangelhafter Schulung resultieren.

Dabei können natürlich auch wir nicht ausschließen, dass es bei solch komplexer Technik einmal zu Defekten kommt. Aber auch dieser Fall sollte Teil der Schulung im Umgang mit den Geräten sein. Zu hohe Dosen Insulin können im Notfall mit Traubenzucker oder Glucagon konterkariert werden, zu niedrige mittels Zuspritzen über einen Pen. Unsere vielen, vielen Gespräche mit Eltern zeigen aber, dass solche Probleme nicht Alltag sind, sondern eine absolute Ausnahme darstellen. In der Regel entlastet die Pumpe das Familienleben und sorgt für mehr Flexibilität und eine bessere Einstellung des Kindes.

Unabhängigkeit von Studien ist relativ

Die Journalisten Elena Kuch und Christian Baars legen in ihrem Bericht für den NDR nahe, dass Insulinpumpen keinen Mehrwert gegenüber herkömmlichen Insulinpens hätten. Dabei berufen sie sich auf eine Studie des britischen National Health Service, deren Industrieunabhängigkeit sie besonders betonen. Nun ist es richtig, dass der National Health Service nicht die Hilfsmittelindustrie vertritt. Allerdings vertritt er die Interessen des Staates und ist somit ebenfalls nicht unabhängig. Eine Tendenz, die teurere Therapieform der billigeren gegenüber als nicht besser gegenüberzustellen liegt zumindest nahe. Wer das öffentliche britische Gesundheitswesen ein wenig kennt, wird wissen, dass seit Thatcher die optimale Therapie dort nicht die Regel ist, sondern immer die billigste.  

Pumpe hat mehr Vor- als Nachteile

Aus dem tagtäglichen Umgang mit den Problemen der Eltern diabetischer Kinder wissen wir, dass eine Insulinpumpe eine echte Entlastung für den Alltag darstellen kann und für eine Mehrheit sicher eine bessere Lösung als die Insulingabe über einen Pen ist. Dabei muss von Fall zu Fall individuell entschieden werden. Es gibt auch Familiensituationen in denen ein Pen angebracht sein kann, z.B. wenn der richtige Umgang mit der Pumpe nicht gut genug vermittelt werden kann, oder der Diabetes sehr schwer einzustellen ist. Dies spricht aber keineswegs gegen die objektiven Vorteile einer Pumpe, die in der Berichterstattung fast schon kalt beiseite gewischt werden.

Professor Danne von Pumpe überzeugt

Besonders im Artikel von Kuch und Baars wird der Kinderdiabetologe Thomas Danne hart angegangen und als eine Art Industrieknecht dargestellt, der nur aufgrund monetärer Interessen die Vorteile von Pumpen in seinen Leitlinien hervorhebe und diese bevorzugt verschreibe. An dieser Stelle müssen wir betonen, dass unser Eindruck von Professor Danne ein ganz anderer ist. Eine breite Mehrheit der betroffenen Eltern hält zu dem führenden Facharzt, weil er ihr Leben ein Stück besser gemacht hat, bei seinen Vorträgen und im Fachgespräch zeigt er sich stets fachlich umfassend und mit aufrichtigem Interesse am Optimum für die Betroffenen.

Danne macht aus seiner Überzeugung, dass eine Pumpe das bessere Hilfsmittel sei, keinen Hehl. Dies beruht unserem Eindruck nach aber nicht auf seiner Beteiligung an der israelischen Firma „DreaMed“, sondern auf echter Überzeugung und  jahrelanger Forschungsarbeit. Es verhält sich also eher umgekehrt: Danne ist Teil der Industrie, weil er vom Konzept Pumpe überzeugt ist und nicht vom Konzept Pumpe überzeugt, weil er Teil der Industrie ist. Das ist ein wichtiger Unterschied. Leider scheint dieser simple Fakt aber wohl nicht skandalträchtig genug.

Gesetzgeber gefragt

Natürlich befinden wir als unabhängige Selbsthilfeorganisation eine Verknüpfung von Industrie und Medizin nicht gerade für das Optimum. So wie das Interesse an Einsparungen nicht gegen den medizinischen Fortschritt gerichtet sein darf, so darf auch das Gewinnstreben nicht über der medizinisch besten Lösung stehen. An dieser Stelle ist unserer Ansicht nach aber der Gesetzgeber gefragt, welcher für mehr Transparenz und sinnvolle Einschränkungen sorgen muss. Das Problem ist ein allgemeines, das Herauspicken eines Einzelnen, der zweifelsohne große Verdienste um das Wohl von Eltern und Kindern hat, halten wir für kontraproduktiv und zu kurz gedacht.

Fazit: Pumpe bleibt beste Therapieform

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Insulinpumpen sind unserem praktischen Erleben nach für insulinpflichtige Kleinkinder in der Regel die bessere Therapieform. Nicht jedes Versagen der Pumpe beruht auf einem technischen Defekt, sondern auf Bedienfehlern, die mit hohen Standards für Schulungen umgangen werden können. Die Angriffe auf Professor Danne halten wir in ihrer Vehemenz für ungerechtfertigt, fordern aber von  der Politik Lösungen für mehr Transparenz und eine Entflechtung von Gewinninteressen und medizinscher Betreuung.

 

Weiterführende Links und Quellen

Artikel von Christian Baars und Elena Kuch auf ndr.de

Bericht der Tagesschau vom 26.11.2018

Hallo Niedersachsen vom 27.11.2018 zum Thema

Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 30.11.2018 zum Thema (kostenpflichtig)

Datenbank der Implant Files